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Aktuell

„Die Kraft des Glaubens“

Die Zukunft der christlichen Kirchen sieht nicht gut aus: Leere Kirchenbänke wie hier in Herkenrath, werden wohl immer mehr Alltag sein.

STADTGESPRÄCH. Pfingsten gilt als das Geburtsfest der Kirche. Doch es gibt Probleme bei den Kirchen: Eine aktuelle Studie der Uni Freiburg prognostiziert den beiden großen christlichen Kirchen bis 2060 ein Rückgang der Gläubigen um 50 Prozent. Ein Stadtgespräch mit Pfarrer Thomas Werner und Pastor Norbert Hörter:

VON KLAUS PEHLE

Kirchenkritiker klatschten in die Hände. Laut einer aktuellen Prognose der Uni Freiburg soll die Zahl der Kirchenmitglieder in den beiden großen christlichen Kirchen bis zum Jahr 2060 um die Hälfte sinken. Statt wie heute 44,8 Millionen Menschen sollen in gut 40 Jahren nur noch 22,7 Millionen Menschen in der evangelischen und katholischen Kirche in Deutschland angemeldet sein. Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die ja oft genug den Kirchen vorgeworfen hatten, zu rückständig zu sein, zu wenig den Gläubigen zugewandt. Missbrauchsfälle und das Streben auch nach weltlicher Macht, nach Reichtum und Einfluss, hatten ja tatsächlich das überlagert, wofür die Kirchen im Kern stehen: Für spirituelle Kraft, für Halt im Alltag.

Pfarrer Thomas Werner

Von dem Hochmut, der den Kirchenoberen häufig vorgeworfen wird, ist bei den Geistlichen vor Ort nichts zu spüren. Im Gegenteil. Der katholische Pastor von Sankt Laurentius, Norbert Hörter, zugleich Kreisdechant in Rhein-Berg, versteht die Kritik: „Das was an uns sichtbar wird, ist salopp gesagt, ja auch nicht attraktiv: Da gibt es die Fragen um Macht, Missbrauch, Umgang mit Bedürfnissen und die Frage danach, ob Menschen uns willkommen sind.“ Für die Zahlen der Prognose macht er aber auch die gesellschaftliche Entwicklung verantwortlich: „Dazu kommt sicher auch, dass die Individualisierung unserer Gesellschaft es schwieriger macht, eine kompakte Gemeinschaft zu haben, weil doch jeder sehr mit seinem eigenen individuellen Horizont beschäftigt ist. Die große Kunst wird sein, trotz dieser starken Individualität Momente von Gemeinschaft zu ermöglichen, und den Menschen zu sagen: So wie du bist, kannst du auch Teil unserer Gesellschaft, dieser christlichen Gemeinschaft unserer Kirche sein.“ Geschockt von den Zahlen der Uni Freiburg ist Hörter genauso wenig wie sein evangelischer Amtskollege Thomas Werner von der evangelischen Gnadenkirche in Bergisch Gladbach: „Natürlich träumen Pfarrerinnen und Pfarrer von Zugewinnen, von vollen Kirchen“, sagt Werner, fügt jedoch hinzu: „Die Realität sieht aber, solange ich denken kann, anders aus. Seit den 70er Jahren verlieren wir hier im Großraum Köln stetig zwischen ein und zwei Prozent unserer Mitglieder im Jahr und es sieht so aus, dass wir in absehbarer Zeit wieder auf dem Stand wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg sind.“

Kreisdechant Norbert Hörter

Verbunden mit dem Rückgang der Gläubigen ist auch eine deutliche Abnahme der Einnahmen durch die Kirchensteuer. Das würde wohl auch bedeuten, dass sich die Kirchen aus finanziellen Gründen aus vielen sozialen Bereichen wie Kindertagesstätten, Jugend- und Senioreneinrichtungen zurückziehen müssten. Da steht die Forderung nach einer allgemeinen Kultursteuer für alle Bürger im Raum, mit der alle Glaubensgemeinschaften finanziert werden würden. In Deutschland zahlen nur Katholiken und Protestanten neun Prozent ihres Einkommens an Kirchensteuer; in Italien zum Beispiel zahlen alle Menschen eine Kultursteuer von vier Prozent auf ihr Einkommen. „Finde ich gut“, sagt Werner, bezweifelt aber, dass dadurch die Kirchenaustritte gestoppt werden könnten: „Glaube ich eigentlich nicht.“ Auch Hörter steht einer Kultursteuer offen gegenüber, betont aber: „Das wäre ein gesellschaftlicher Beitrag, ein komplett anderes System. Das macht nur Sinn, wenn es einen gesellschaftlichen Konsens gibt, wir als Kirche können das nicht in Kraft setzen.“

Für beide ist die aktuelle Zeit eines Umbruchs und eines Neuanfangs: „Die Kirche und wir als Gemeinde stehen ja immer wieder ganz am Anfang und müssen immer wieder von Neuem beginnen. Kirche ist ein Prozess, nichts Evolutionäres und nichts Statisches“, sagt Werner. Und Hörter sagt: „Ich will die Individualisierung nicht verteufeln, weil man gesellschaftliche Entwicklungen nicht einfach verteufeln kann. Aber ich würde dem entgegensetzen, dass ein Weg mit Gott nur in Gemeinschaft möglich ist, mit dem gleichen Glauben, dem gleichen Bedürfnis und der gleichen Anschauung. Das heißt, dass wir das noch viel deutlicher machen müssen, dass wir Menschen wirklich einladen, den Weg hinein in unsere Gemeinschaft zu gehen.“

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